Nach der Umrundung Deutschlands in den vorherigen Jahren suchten mein Radsportfreund Manfred Martens und ich, Holger Engelmann, nach einer neuen Herausforderung für unsere alljährliche Tourenfahrt in 2018. Mit dem deutschen Teil des Europaradweges R1 - diesmal also quer durch Deutschland - wurden wir schließlich fündig. Der gesamte Fernradweg R1 führt über 3600 Kilometer von Boulogne sur Mer in Frankreich bis nach Sankt Petersburg in Russland. Der deutsche Anteil führt von Vreden an der Grenze zu Holland bis nach Letschin an der der Grenze zu Polen. Diese Strecke beträgt 936 Kilometer. Wir entschlossen uns allerdings dieser Strecke nur von Münster bis nach Berlin zu folgen, wegen der guten Bahnanbindung - um so schnell und einigermassen unkompliziert an den Startort zu gelangen und auch wieder vom Zielort zurück nach Bremervörde. Die Strecke von Münster bis Berlin auf dem R1 Europaradweg umfasst ja auch noch gute 700 Kilometer.

So starteten wir also an einem Samstagmorgen vom Bremervörder Bahnhof aus - mit Umstiegen in Bremerhaven und Osnabrück bis nach Münster. Hier angekommen ging es unweit vom Bahnhof auch gleich auf den gut ausgeschilderten R1 in Richtung Osten. Durch die Vororte von Münster ging es durch das Münsterland bei sonnigem Wetter auf abgeschiedenen Wegen gut voran, so dass wir bis zum Abend und unserer täglichen Hotelsuche schon gute 90 Kilometer auf dem Tacho hatten. Die Strecke führte über Telgte - Warendorf - Beelen - Herzebrock - Rheda Wiedenbrück - an Gütersloh vorbei bis nach Verl wo wir unsere erste Übernachtung in einem günstigen Hotel verbrachten. 

Nach einem guten Frühstück in der urigen, noch original erhaltenen alten Küche des Hotels, aus dem Beginn des vorigen Jahrhunderts, ging es wieder auf den Europaradweg erstmal in Richtung Schloss Holte Stuckenbrock. Von dort aus ging es weiter durch das Lipperland bis nach Detmold. Hier merkte man schon - bedingt durch die Nähe des Teutoburger Waldes, dass die Strecke doch schon etwas hügeliger und anstrengender wurde. Die schweren Tourenräder und unsere vollen Packtaschen machten sich bemerkbar. Nach der obligatorischen Cappuccino Pause in Detmold ging es auf in Richtung Weser und unserem nächsten Etappenziel Holzminden entgegen. Die Fahrradwege und die entsprechende Beschilderung des Europaradweges R1 waren hier noch absolut in Ordnung und wir kamen bei sonnigem Wetter gut voran. Die Strecke entlang der Weser von Höxter nach Holzminden war ein Highlight dieser Tour. Am Abend erreichten wir dann Holzminden nach über 100 Kilometern als heutigem Zielort. Die Suche nach einer Unterkunft gestaltete sich recht unkompliziert - dank der Handy-App von Bett and Bike. Wir landeten in einer sehr netten Privatpension, in der kurz zuvor auch schon zwei andere Europawegradler, denen wir schon schon mehrfach an diesem Tag begegnet waren, ihre Unterkunft gefunden hatten. 

 

Das Frühstück in der Gemeinschaftsküche mit den beiden anderen Radlern verhalf uns zu einem tollen Erfahrungsaustausch über unsere und deren bisher abgeradelten Touren. Das Ehepaar war in diesem Jahr von Hamburg aus durch unsere Elbe-Weser-Region bis zur Ems und an ihr entlang bis nach Münster geradelt. Von dort aus ging nun auch ihre Reise auf dem R1 bis nach Berlin - ihrem Wohnort. Eine stramme Leistung in nur 2 Wochen Urlaub. Wir verliessen Holzminden und machten uns über kleinere Ortschaften wie Bevern - Arholzen - Deensen auf in Richtung Einbeck. Hier kamen wir auf den spontanen Gedanken den PS Speicher zu besuchen - ein interessantes Museum zur Entwicklung der individuellen Mobilität auf Rädern. Leider war es ein Montag - der Tag an dem bekanntlich die meisten Museen geschlossen sind. So auch hier - okay - so ging es also weiter auf dem R1 in Richtung Harz. Der Europaradweg verläuft entlang des Nordharzes und unsere Bikemap versprach für diesen Abschnitt nichts Gutes - schlechte Wegstrecke und anstrengende Höhenmeter. Und in der Tat - bereits an diesem Tag merkten wir die Annäherung an das Mittelgebirge durch reichlich Auf und Ab in der Landschaft und das Ganze bei sonnig warmen Temperaturen. Dennoch erreichten wir nach schweisstreibenden 100 Kilometern am Abend Goslar. Dank BikeApp und Booking-Com war auch hier schnell eine günstige Unterkunft gefunden und wir hatten noch genügend Zeit am Abend die Altstadt von Goslar zu erkunden.

Der angekündigte Regen und die noch schlechter werdende Wegstrecke liessen uns beim Frühstück den Entschluss fassen ein erstes Teilstück der heutigen Etappe mit der Bahn zu fahren. So machten wir uns auf den Weg zum Bahnhof Goslar um von dort mit der Regionalbahn nach Thale in den Ostharz zu fahren. In unserer Bikemap wurden die Wege im Harz wie folgt beschrieben: „Abschnitte mit derartigen Ansprüchen an Radler und Technik sind auf dem gesamten R1, selbst im Baltikum und Russland nicht zu finden und aus unserer Sicht als Fernradwanderwege für Touren mit 15 und mehr Kilogramm Gepäck deplatziert“!!!

Dem ist in der Tat nichts hinzuzufügen und bezieht sich auf weite Teile der Wegstrecke - sowohl im West- als auch im Ostharz. Auch ab Thale ging es noch derart brutal weiter mit der Wegbeschaffenheit - so heftig das mir bei einer Abfahrt auf schlechtem Terrain die Lenkertasche aus der Halterung flog und direkt vor mein Vorderrad fiel. Mit Glück konnte ich ausweichen - musste aber dennoch den kompletten Inhalt vom Wege aufsuchen und die Tasche neu anbringen. So erreichten wir dann am Abend über Ballenstedt und vorbei am legendären Concordiasee die Stadt Stassfurt in der wir auch schnell eine Herberge fanden. Der Concordiasee geriet im Juli 2009 in die Schlagzeilen als am Ufer des Sees ein 400 Meter langer Erdrutsch Häuser- Strassen und sogar drei Menschen in die Tiefe riss. Es waren die Folgen einer unüberlegten und unausgegorenen Nutzung der ehemaligen Braunkohleabbauhalden zum Freizeitgebiet und einer künstlichen Flutung und Anlegung als grossflächigem See.  Es kamen auf dieser Etappe trotz der Bahnfahrt wieder gute 70 Kilometer zusammen und wir waren schon recht „platt“ vom radeln auf den üblen Wegen heute. Wenn man bedenkt, dass wir am ersten Tag ab Mittag von Münster aus gute 90 Kilometer gefahren sind und am heutigen Tag - den ganzen Tag über nur 70 Kilometer absolviert haben - so lässt sich in etwa erahnen wie Kraft- und Zeitraubend die Streckenbeschaffenheit gewesen ist.

Am nächsten Morgen jedoch - nach einem leckeren Frühstück und einem lockeren Klönschnack mit der Wirtin - waren die Strapazen des Vortages vergessen und weiter ging die wilde Fahrt Richtung Osten auf dem Europaradweg R1. Die morgendliche Euphorie und Schubkraft war dann allerdings gegen Mittag schnell verflogen - durch jede Ortsdurchfahrt über holperiges Kopfsteinpflaster und auch ausserhalb auf Wegen mit übler Wegebeschaffenheit. Die Höhenmeter hatten zwar deutlich abgenommen aber die zunehmende Wärme trat an deren Stelle. Wir fuhren über Nienburg bis Bernburg an der  Saale entlang und kamen durch etliche kleine Orte und idyllischer Dörfer - durch Getreidefelder und auf Feldwegen mit Kirsch- Apfel- und Pflaumenbäumen, die uns zu manch spontanen Rast verführten. Die Süss- und Sauerkirschbäume waren übervoll mit leckeren, fast schon überreifen Früchten - die wir uns immer wieder gerne einverleibten. So kamen wir über Köthen bis nach Dessau. In der Bauhaus Stadt Dessau führte der Weg direkt an den bekannten und prägenden Gebäudekomplexen der Bauhaus Ära vorbei und führte uns in das prächtige Park- und Gartenreich Dessau-Wörlitz. Hier entlang unter schattigen Bäumen und vorbei an kühlen Seen wurde der Weg wieder erträglich und angenehm. Eine traumhafte Parklandschaft die nicht umsonst den Titel des Unesco Weltkulturerbes trägt. Auf diesen Pfaden kamen wir schliesslich in den Park und an das Schloss Oranienbaum - wo wir am Abend und nach weiteren gut 100 Kilometern diese Tagesetappe beendeten und uns in der Stadt Oranienbaum eine Unterkunft und ein Lokal für die abendliche Stärkung suchten. 

Am nächsten Morgen radelten wir noch einmal ein Stück durch den tollen Schlosspark um uns dann auf den Weg nach Ferropolis zu machen. Ferropolis - die Stadt aus Stahl - ist zugleich Museum, Industriedenkmal und Veranstaltungsareal. Inmitten des gefluteten Braunkohletagebaus Golpa-Nord stehen auf einer Halbinsel fünf monströse und bis zu 30 Meter hohe Abraumbagger und -geräte als Kulisse für Konzerte und Events. Dieses Areal galt es zu durchfahren und zu besichtigen. Im Anschluss daran ging der Europaradweg nun geradewegs in die Lutherstadt Wittenberge. Bevor wir uns allerdings in die Stadt retten konnten mussten wir ein überraschend aufgezogenes Gewitter in einer Bushaltestelle an der Landstrasse aussitzen. Ab hier wurde es nun tatsächlich regnerisch und unbeständig - so dass wir nun doch auch die Regensachen zum Einsatz bringen mussten. Aber diese Abkühlung tat auch gut - nach den langen sonnigen Abschnitten die wir bis hier abgeradelt hatten. Auch die Streckenbeschaffenheit wurde deutlich besser und wir kamen trotz Regenpausen gut voran. Inzwischen im Bundesland Brandenburg angekommen änderte sich auch ein wenig die Landschaft - wir fuhren durch viele endlose Kiefernwälder - typisch für diese Gegend - unzählige Kiefern auf sandigem Grund. Wir allerdings fuhren auf immer besser ausgebauten und asphaltierten Radwegen inmitten dieser Wälder. Im Naturparkzentrum von Raben noch eine letzte Kaffee- und Kirschpause auf der heutigen Etappe. Nach einem schönen Abschnitt mit herrlicher Aussicht über die Felder und Wiesen des Flämings bei Sonnenschein erreichen wir am Abend nach weiteren 90 Kilometern Bad Belzig. Auch hier ist dank unserer einschlägigen HandyApps schnell eine Unterkunft gefunden und wir verbringen den Abend mit einigen Einheimischen bei netten Gesprächen sowie leckerem Essen und Trinken in der hoteleigenen Gastwirtschaft.

Nach einem reichhaltigen Frühstück und dem obligatorischem, täglichem Rad- und Gepäckcheck geht es am anderen Tag wieder auf die Strecke. Das Wetter bleibt durchwachsen und wir radeln auf dem R1 erstmal in Richtung Treibitz und Borkheide. Waldreich trifft nun am ehesten den Charakter dieses Abschnitts. Waldreich geht es immer weiter in Richtung Potsdam bis wir inmitten dieses riesigen Waldgebietes auf die Berelitz-Heilstätten treffen. Die zwischen 1898 und 1930 errichtete Arbeiter-Lungenheilstätte war mit ihren 60 Gebäuden der grösste Krankenhauskomplex im Berliner Umland - fast schon eine eigene Stadt mit allem erdenklichem Komfort und technischen Errungenschaften - für die damalige Zeit wegweisend. Ein grosser Teil der sehenswerten denkmalgeschützten Anlage verfällt inzwischen und erzeugt gerade dadurch ihren eigenen morbiden Charme. Nachdem wir diesem riesigen Waldgebiet entronnen sind gelangen wir über Petzow - entlang der Havel nach erneuten 70 Kilometern auf das Potsdamer Stadtgebiet. Durch immer wieder einsetzende kurze Regenschauer und in Hinblick auf das hektische Berlin beschliessen wir spontan hier in Potsdam zu bleiben und von hier aus am Nachmittag entspannt unsere Rückreise zu planen. Im beschaulichen Potsdam lassen sich günstige Übernachtungsmöglichkeiten in Bahnhofsnähe finden und sie versprechen einen entspannteren Start für unsere Bahnfahrt nach Hause als die Möglichkeiten im wesentlich grösseren Berlin. Die letzten 25 Radkilometer bis ins Zentrum von Berlin opfern wir gerne einem lockeren Nachmittag in Potsdam mit Cafe- sowie Restaurantbesuchen und einem ausgedehntem Stadtbummel. 

Den letzten Tag unserer Tour beginnen wir mit einem Frühstück in einer nahen Bäckerei und mit der kurzen Radfahrt zum Bahnhof. Von hier aus geht unser Zug erstmal ganz entspannt nach Magdeburg. Diese Entspannung wird hier in Magdeburg auch noch benötigt - da wir aufgrund einer Verspätung von nur 2 Minuten zwei Stunden auf den Anschlusszug nach Uelzen warten müssen. Die weitere Fahrt verläuft dann allerdings ohne weiter Komplikationen und Zwischenfälle und so erreichen wir am Abend den Bahnhof von Bremervörde.

Diese Radtour auf dem Europaradweg R1 von West nach Ost - quer durch Deutschland - hat uns neben vielen tollen Eindrücken von Land und Leuten - von so vielen verschiedenen Landschaften und Gegenden - voll Sonnenschein und auch mal etwas Regen - voller Erinnerungen, speziell für mich auf den Strecken von Münster bis Holzminden und auch vielen witzigen und tollen Momenten zwischen uns zwei Radsportfreunden wieder einmal weitere 620 Kilometer auf dem Rad eingebracht. 620 Kilometer die erlebt und erfahren worden sind - so schwer, hier auch nur annähernd etwas von all dem Erlebten rüber zu bringen - für die, die es nicht miterlebt und erfahren haben. Ein Versuch in Form dieses kurzen Reiseberichts - bleibt zu hoffen dass wir in 2019 wieder eine interessante Tour unter die Räder bringen. Vielleicht dann im nächsten Jahr eine Tour die uns längs durch Deutschland führt - am besten von Süd nach Nord - da geht es dann ja einfach nur bergab . . .