Amateur unter den "Profis":  Die 200 Teilnehmer bieten am Startpunkt an der Realschule ein imposantes Bild- alle in professioneller Ausstattung, obwohl kein Profi unter ihnen ist. Alle fahren einzig aus Spaß am Radsport, es gibt keine Zeitnahme, denn eine RTF ist kein Radrennen. Ein Mitglied der Radsportabteilung des TSV Bremervörde drückt den Knopf Fußgängerampeln. Als sie auf Rot springt, schicken Bürgermeister, Vereinsvorsitzender und Sponsor die erste Gruppe pünktlich um 10 Uhr auf die Reise durch das Vörder Land.

Meine Fotos sind gemacht, mein Entschluss gefasst: Ich fahre hinterher, wenn die Meute weg ist. Michael Schmitz, Abteilungsleiter des TSV und erfahrener Rennradfahrer, höre ich ,dass die meisten die 115 Kilometer wählen. Okay. Für mich zu viel. "48 Kilometer als Neuling - ist das machbar?", frage ich den Experten. "Ja, das geht auf jeden Fall!" Alles klar. Jetzt gibt`s kein zu rück mehr. Sportkleidung drüber und ab zur Anmeldung. Ich habe Glück. Enno Mai und Thomas Saus, zwei Bremervörder, haben noch in aller Ruhe einen Kaffee getrunken und wollen sich zusammen mit ihren Freundinnen demnächst auf die Strecke machen. Die Frauen wollen wie ich die 48 Kilometer fahren. Das passt. Um kurz vor elf geht`s los. Das Wetter spielt mit, es ist frisch aber trocken und nahezu windstill. Zügig haben wir Spreckens und Fahrendorf erreicht. Es wird geplauscht bei Tempo 25, 26. Meine "Helferinnen" berichtenmir, dass die Männer , die 115 Kilometer, es bisher gemütlich angehen lassen. Weiter geht`s Richtung Sandbostel, vorbei an meinem Elternhaus. Wir überholen eine kleine Gruppe, die kurz vor uns gestartet ist. Ich halte mich an die Hinterräder der Frauen. Im Windschatten zu fahren, wird im Verlauf des Vormittags noch von Bedeutung werden. Wir erreichen Augustendorf. Bisher läuft es locker, noch tut nichts weh, ich genieße den Blick in die Moorlandschaft und begegne wenig  später kurz hinter Glinstedt dem Vereinsvorsitzenden Jörg Möller. Respekt: Er ist allein unterwegs mit einem stinknormalen Tourenrad.

Tipps vom Experten:  In Rhade gibt es die erste Verpflegungsstation. Die Hälfte ist geschafft. Der Halt ist gleichzeitig erste Kontrollstelle und wichtig vor allem für Fahrer, die Punkte für die RTF-Wertung sammeln. Auch ich hole mir einen Stempel, gönne mir Banane, Müsli-Riegel, ein isotonisches Getränk und bekomme Tipps von einem Experten. Ein RTF-Kontrolleur, den ich unterwegs überholt habe, spricht mich als "Mann von der Zeitung" an. "Du solltest vorne nicht auf dem großen Ritzel fahren und hinten die Kette auf eine mittlere Position legen. Dann bleibt die Muskulatur locker. Und die Kette hättest Du mal mit einem Lappen etwas säubern sollen. Bei einer Panne wird`s sonst eine schmierige Angelegenheit". Dann die schlechte Nachricht: Meine Begleiterinnen entscheiden sich kurzfristig um und für die mittlere Strecke von 78 Kilometer. Und die hat einen anderen Verlauf. Die Spreu vom Weizen trennt sich also in Rhade.

Doch ich habe ein zweites Mal Glück und kann mich einer Vierergruppe anschließen, die den direkten Weg nach Bremervörde nehmen will. Unter ihnen zwei mir bekannte Gesichter: Markus Scheil und Matthias Behnken aus Bevern. Sie sind mit Mountain-Bikes unterwegs. Von ihnen erfahre ich, dass sie kürzlich ein ganzes Wochenende mit Rad quer durch den Teutoburger Wald gedüst und letztes Jahr zusammen mit weiteren Freunden von den "Beverner Hotwheels" die Brockenstraße im Harz hochgefahren sind."Bergauf" geht es jetzt auch für mich. Kurz nach Rhade gibt es zwei schon von weitem deutlich erkennbare Steigungen auf dem Weg nach Rockstedt und Granstedt. Das müssen die zehn Höhenmeter sein, die laut Internet auf der Strecke zu bewältigen sind. Markus Scheil und Matthias Behnken machen Tempo, ich darf in ihren Windschatten fahren. Das nenne ich Fairplay. Jetzt kommt mir der Tipp des RTF-Kontrolleuers zu Gute. Mit schnellen Treten, deutlich höherem Puls und der Erkenntnis, "wo es rauf geht, geht`s auch wieder runter", bewältige ich die zwei Hügel nahe der Oste, die in unserer flachen Landschaft während der Eiszeit entstanden sind.

"Nur nicht abreißen lassen"  Gleich ist Selsingen erreicht, Dreiviertel der 48 Kilometer schon geschafft. Doch meine Begleiter hat der Ehrgeiz gepackt. Sie geben weiter Gas. Es geht deutlich schneller zur Sache als auf dem ersten Abschnitt. Das Tempo liegt bei 30 Km/h. Jetzt nur nicht abreißen lassen, auch wenn die Beine inzwischen schwerer geworden sin und der Po deutlich zu spüren ist. Bei Sandbostel überholen wir eine kleine Gruppe von Frauen, dann schon das Hinweisschild nach Bremervörde. Hinter Minstedt rollt es sich auf dem neuen Asphalt der Umgehungsstraße fast von alleine. Kurz vor 13 Hur ist es geschafft:  Ziemlich erschöpft, ohne Sturz und ganz schön stolz erreiche ich nach knapp zwei Stunden das Ziel. Meine Selbsteinschätzung relativiert sich aber bald, als ich erfahre, dass beispielweise eine Gruppe aus Langen bei Bremerhaven morgens per Rennrad abgereist ist, dann 78 Kilometer durchs Vörder Land abgerissen hat und sich nach Bratwurst und einem alkoholfreien Bier mit dem Rad wieder auf den Heimweg gemacht hat. "Ja ein bisschen verrückt sind wir schon", klärt mich der TSV-Radsportabteilungsvorsitzende Michael Schmitz auf.

 Bericht + Bilder Bremervörder Zeitung: Michael Brinkmann