Nach einer turbulenten Nacht (nochmals Dank an meinen Radsportkollegen - Manni du weißt wofür!!!) sind wir dann am Morgen um 9.00 Uhr nach dem Frühstück in den ersten Tag gestartet. Der Tag fing schon recht nieselig an und ging dann gegen Mittag ab Görlitz immer mehr in Regen über. Die ersten Kilometer entlang der Neiße, die hier mehr einem kleinen verträumter Fluss gleicht, lies uns dank guter Oder-Neiße-Radweg-Ausschilderung und einer tollen Strecke schnell vorwärts kommen. Gegen Mittag waren wir bereits in Görlitz, einer sehr schönen alten Stadt mit vielen sehenswerten touristischen Highlights. Nach einem kurzen Stadtbummel mit einem deftigen Mittagessen ging es trotz oder auch gerade wegen des Regens weiter. Am Nachmittag hörte dann der Regen auf und die Sonne kam doch noch hervor. Da wir bereits in Bad Muskau waren und hier schon durch weite Teile des schönen Muskauer Parks geradelt waren, kam uns der Gedanke, das wir ja noch eine Unterkunft für die Nacht organisieren mussten. Leider hatten wir gänzlich verdrängt das wir an einem Pfingstwochenende gestartet waren und hier nun alle halbwegs bezahlbaren Pensionen belegt waren. Nach einigen kurzen Telefonaten hatten wir dann doch noch etwas in Aussicht - allerdings im ca. 20 km entfernten Ort Forst! Hier offenbart sich dann, wie so oft, die Spontanität und Freundlichkeit der Wirtsleute, die dann selbst zu später Stunde noch irgendetwas arrangieren. In diesem Fall ein tolles Zimmer in einer schicken Villa direkt am Ufer der Neiße und ein verspätetes Abendessen im Biergarten beim "Griechen" um die Ecke. Nach 148 Kilometern Ende des ersten Tages.

Am Morgen des zweiten Tages bemerkten wir erst den Glanz in unserer "Hütte" in der wir Abends zuvor eingekehrt waren: eine prächtig renovierte alte Stadtvilla die mit vielen markanten Details schön anzusehen war. Der Wirt, ein Vermessungsingenieur, versucht nun dieses Haus über die Zeit zu retten und die damit verbundenen Kosten durch Zimmervermietung und eine Restauration aufzufangen. Nach einem leckeren Frühstück in dem schönen alten Speiseraum holten wir unsere Räder aus dem Keller und nach einigen guten Informationen durch den Wirt starteten wir in den sonnigen Tag. Wir fuhren wieder entlang der Neiße in Richtung Ratzdorf, wo die Neiße in die Oder mündet. Ab hier hat die Oder schon einen deutlichen Flußcharakter und das Gelände wird flacher und offener, so das man einen weiten Blick in die Landschaft, auch auf polnischer Seite bekommt. In Ratzdorf am Zusammenfluss von Oder und Neiße auch wieder ein uriges Lokal mit netten Leuten, die versuchen den touristischen Aufschwung zu nutzen. Ein altes Lokal, idyllisch gelegen mit einem schönen Biergarten unter Bäumen. Ein Platz zum Verweilen eben, der von vielen Radlern an diesem sonnigen Pfingstmontag genutzt wird. Wir fahren abwechselnd durch einige Orte, mit teilweise verlassenen Häusern, vielen stillgelegten Fabriken wie in Guben, am Rande von Eisenhüttenstadt und einer dazwischen fast menschenleeren Landschaft immer mit der Oder im Blick. Einiges wirkt fremd und einiges doch so vertraut, wenn man sich den Blick auf unsere hier im Westen erlebten 60er, 70er Jahre bewahrt hat. Diese ganze Gegend umgibt der morbide Charme einer längst vergangenen Zeit. Eine merkwürdige trostlose und auch trotzige Atmosphäre wie im Umfeld bei der Fahrt durch Frankfurt-Oder. Am Abend erreichen wir Lebus und finden eine private Unterkunft bei netten Leuten, die hier versuchen mit der Zimmervermietung ein zweites Standbein zu errichten. Nach 118 Kilometern sitzen wir auf der Terrasse eines kleinen Lokals direkt an der Oder und genießen die Abendsonne und unser Abendbrot.

Start an diesem Morgen um 9 Uhr, nach einem Frühstück mit frischen Zutaten aus dem eigenen Garten, einfach gut. Auch hier gibt der Wirt noch einige Tips mit auf den Weg. Er selbst versucht diese "Biker-Pension" mit Zeltmöglichkeit im Garten aufrecht zu erhalten, derweil seine Frau in einem 20 Kilometer entfernten Ort arbeitet, um das "Grundeinkommen" nach Hause zu bringen. Von hier aus geht es nun durch das Oderbruch in Richtung Norden. Wir fahren durch teilweise sehr menschenleere Gegenden. Grüne Landschaft satt doch auch ermüdend mit der Zeit, da wir viel Sonne und auch teilweise recht kräftigen Gegenwind haben. Es gibt nur wenige Möglichkeiten zur Einkehr und die ein oder andere davon wird auch gleich genutzt um etwas zu essen und vor allem zu trinken. Die Sonne und der Wind laugt einen doch aus - nur ein kurzer Regenschauer am Mittag kühlt etwas ab. Ein schöner Rastplatz auf dieser Strecke war in Gross Neuendorf, ein Lokal direkt am/auf dem Deich und auch hier wieder der Versuch mit einer umgebauten Fabrikanlage zum Hotel/Restaurant den aufkommenden Radtourismus zu nutzen. Ob mit Erfolg??? Am Abend erreichen wir Schwedt an der Oder und finden hier wieder eine private Pension mit netten älteren Wirtsleuten. Abendessen in der recht leeren Innenstadt beim "Chinesen". Ende des dritten Tages nach 116 Kilometern.

Der nächste Morgen beginnt mit einem guten Frühstück und etlichen Informationen durch den Wirt. Er klärt uns darüber auf warum so viele Plätze in der Stadt nicht nur leer an Menschen sondern auch an Gebäuden sind. Die Menschen die noch konnten und wollten sind dort weggezogen. Nun ist die Stadtverwaltung dazu über gegangen einzelne nicht bewohnte Blöcke, oder auch ganze Siedlungen abzureissen, damit sie nicht der Verwahrlosung und dem Verfall preisgegeben werden. Von der ehemaligen Industriestadt aus DDR Zeiten ist nach der Wende nicht mehr viel übrig geblieben - die Arbeitslosenzahlen der noch Verbliebenen sprechen auch dort eine deutliche Sprache. Beim Verlassen der Stadt fahren wir entlang einiger Industriebrachen aber auch entlang vieler Schrebergärten. Letztere zeugen davon das hier viele Menschen wieder selbst ihr Obst und Gemüse anbauen - sicher nicht nur aus naturnaher Sicht sondern sicher auch um das geringe Einkommen aufzubessern oder zu entlasten. Nach etlichen Kilometer entlang der Oder verlasen wir nun den direkten Oderlauf. Wir haben uns entschieden auf deutscher Seite zu bleiben. Wir hatten auf der Tour in einigen Orten bereits einen Abstecher auf die polnische Seite der Oder gemacht und wir fahren ja insgesamt eine Tour an der deutschen Grenzseite entlang. Ausserdem hangeln wir uns ja entlang des Oder-Neiße Radwegs und der biegt hinter Gartz in grobe Richtung Löcknitz ab. Gegen Mittag gibt es eine kurze Rast in einem polnisch geführtem Wirtshaus auf deutscher Seite und hier als Besonderheit eine polnische kalte Sommersuppe - Chlodnik genannt. Extrem lecker und gut bei dem sonnigen Wetter. Wir sind jetzt weg von der Flusslandschaft und fahren über Felder und immer öfter auch durch Waldgebiete, die kühlen Schatten geben. Auch hier eine sehr entlegene, entrückte Welt, auch in einigen Orten die wir durchqueren wieder verlassene Häuser und Höfe. Am Abend erreichen wir den kleinen Ort Rieth an einer Ausbuchtung am Stettiner Haff gelegen. Hier gibt es eine Übernachtung für uns in einem Wirtshaus mit eigener Küche, daher das deftige Abendessen im Biergarten des Hauses. Den Tag beschliessen wir nach 112 Kilometern mit einen Gang durch den Ort und an den See über dem eine besondere Abendstimmung liegt.

Am nächsten Morgen ein früher Start nach einem guten Frühstück in einen leicht regnerischen Morgen. Es geht wieder durch Feld und Flur bis nach Ückermünde direkt an das Stettiner Haff. Ein Ort mit einem schönen Stadtkern, einem Hafen, vielen Lokalitäten und Geschäften und anderen touristischen Angeboten. Die Sonne hat inzwischen den Regen verdrängt und wir fahren weiter durch die Haff- und Boddenlandschaft in Richtung Kamp-Karnin. Hier nehmen wir die wohl kleinste Fähre die ich bis je gesehen habe um auf die Insel Usedom zu gelangen. Es passen genau unsere Räder, unsere Habseligkeiten und noch die ein oder andere Person mit auf das Boot. Auf Usedom geht es nun recht hügelig weiter, nach den eher flachen Etappen bis hierhin ist das doch zunächst recht ungewohnt. Wir fahren auf der Haffseite bis nach Kamminke, das wohl am weitesten östlich gelegene Fischerdorf in Deutschland. Hier gibt es lecker geräucherten Fisch im großen Stück gleich so "auf die Hand". Mit Blick auf das Haff geniessen wir diese Mahlzeit. Anschließend fahren wir über Swinemünde auf polnischer Seite weiter bis Ahlbeck. Dort finden wir dann am Abend doch noch eine freie Unterkunft, allerdings zur Selbstversorgung und zu völlig überhöhtem Preis. Tagesabschluß nach gut 100 Kilometern beim Abendessen direkt an der Strandpromenade beim "Italiener" auf der Veranda.

Eigentlich war hier in Ahlbeck unsere Tour entlang der östlichen Grenze Deutschlands schon beendet aber wir hatten noch einen Tag Zeit bis zur Zugrückfahrt über Rostock und Hamburg nach Bremervörde und so beschlossen wir noch eine kleine Inselrundfahrt zu unternehmen. Wir hatten doch tatsächlich einen Tag eingespart. Irgendwie waren wir wohl zu schnell unterwegs gewesen oder es lag an der guten Ausschilderung des Oder-Neiße-Radweges, den wir bis auf eine üble Umleitung, die uns über Betonplattenwegen durch die "Pampa" führte, nicht verlassen mussten. Wir fuhren also nach dem leckeren Frühstück in einer örtlichen Bäckerei immer der Strandpromenade entlang bis Zinnowitz. Hier und da mal einen Abstecher ins Hinterland und ansonsten eher gemütliches Radeln mit etlichen Pausen in den einschlägigen Lokalitäten und an touristischen Treffpunkten. Da der ganze Tag bei überwiegend sonnigem Wetter verlief und uns am Vorabend der Wein so gut geschmeckt hatte, ließen wir diesen Tag auch beim „Italiener“ auf der Veranda ausklingen. Der Platz war auch gut gewählt, da die Veranda überdacht war und noch ein Gewitter aufkam. Dieser Tag brachte also zusätzlich zu den gut 60 Kilometern auf dem Rad noch einen Gang durch den Regen zurück zur Unterkunft.

Am Morgen nach einem kurzen Frühstück dann eine hastige Fahrt in voller Regenmontur zum Bahnhof denn der Regen vom Vorabend hatte wohl noch nicht aufgehört. Von Ahlbeck aus ging es dann wieder mit der Bahn und den üblichen Querelen beim Radtransport, einigen Umstiegen und Wartezeiten zurück nach Bremervörde, wo wir gegen Abend ankamen.

Rückblickend und im Vergleich führte uns diese Tour aus 2011 durch eine ganz andere Welt wie die letztjährige Tour im Westen, entlang des Rheins. Eine größtenteils verlassene stille Welt mit einem leicht morbiden Charme, bedingt durch die oft menschenleeren Gegenden, die vielen verlassenen Häuser in manchen Orten, durch die vielen Industriebrachen in den Randgebieten der wenigen größeren Städte. Aber auch eine Welt mit netten, offenen Leuten, die nicht weg wollen aus ihrer Welt am Strom, die Ideen haben und versuchen sie umzusetzten um sich damit einzurichten in ihrem Leben. Die Dinge erhalten wollen wo sie sind und wie sie sind, Dinge und Details die wir hier oft längst verloren haben in den Jahren der Nachkriegszeit, des Aufbaus und des Wachtums. Dort ist noch Etliches erhalten geblieben von den Dingen unserer Kindheit und Jugend, die man hier nicht mehr sieht, wenn man denn je ein „Feeling“ für solche Details hatte.

Eins fällt besonders auf im Gegensatz zum westlichen Grenzgebiet: es gibt viel Ruhe dort im Osten an der Oder, viel einsame Natur und Landschaft satt, die einen auch irgendwie an einen bekannten Ausspruch über die blühenden Landschaften nachdenken lässt. Allerdings nicht immer nur in Hinblick auf die biologische Sichtweise, sondern vielmehr auch in Hinblick auf die politische und wirtschaftliche Ausprägung. Trotz oder gerade wegen all dieser Eindrücke eine Radreise der ganz besonderen Art.

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